Nick Reimer

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Nick Reimer

Nick Reimer, Jahrgang 1966, hat in Freiberg, Prag und Berlin Umwelt- und Energieverfahrenstechnik studiert. In der DDR-Wende war er Mitgründer und Chefredakteur der ersten überregionalen Umweltzeitschrift der DDR, »Ökostroika«, später Vorstandssprecher des Umweltnetzwerks »Grüne Liga«. Nach einem Volontariat bei der Berliner Zeitung war er dort bis 1996 Redakteur, wechselte als Reporter zur Morgenpost nach Dresden und schreibt seit 1998 für die tageszeitung, anfangs als Korrespondent aus Dresden, dann als Wirtschaftsredakteur in Berlin, seit 2011 als freier Autor.

Gemeinsam mit Toralf Staud publizierte er 2007 bei Kiepenheuer&Witsch das Buch „Wir Klimaretter. So ist die Wende noch zu schaffen“. Im gleichen Jahr gründeten sie das Online-Magazin www.klimaretter.info. Gemeinsam erhielten sie 2012 den Otto-Brenner-Preis in der Kategorie Medienprojektpreis für die Onlineplattform Der Klima-Lügendetektor.

Nick Reimer ist am Deutschen SchauSpielHaus Hamburg als Experte bei der »Welt-Klimakonferenz« von Rimini Protokoll beteiligt.


DREI FRAGEN AN NICK REIMER:

>> Wann und wie kamen Sie das erste Mal mit dem Thema Klimaänderungen in Berührung?

Nick Reimer: Erster Kontakt 1995 in Berlin: Ich schrieb eine Geschichte über die Klimabalance zum Auftakt der ersten Weltklimakonferenz.

Toralf Staud: In der Realität Ende der 80er Jahre, also als Jugendlicher. Wieso? Weil seit März 1985 jeder, wirklich jeder Monat bis heute wärmer ist als der langjährige Durchschnitt. Der Klimawandel ist also längst da. Beruflich beschäftigt mich das Thema seit etwa 2006, seit ich einige Zeit als Redakteur beim Greenpeace-Magazin arbeitete und erstmals zum Klimawandel recherchierte.


>> Wenn Sie für einen Moment absolute Vollmacht und Handlungsfreiheit hätten, was würden Sie tun / verlangen, hinsichtlich der sich abzeichnenden Klimaveränderung?

N.R.: Innerdeutsche Flüge mit einer Klimasteuer von 300 Prozent belegen, den Benzinpreis zugunsten einer ÖPNV-Abgabe auf 7 Euro anheben (mit einer Härtefallregelung), die Tarife für Investitionen in Solar-, Windkraft und Biomasse verdoppeln, um einen Investitionsboom auszulösen; so schnell es geht die Kohlekraftwerke in Deutschland abschalten, die energetische Gebäudesanierung gesetzlich vorschreiben und steuerlich abzugsfähig machen (denn dort liegt in Deutschland das größte Treibhausgas-Wegspar-Potential), das Klimaziel der Bundesrepublik auf 50 Prozent Reduktion gegenüber dem Kyoto-Basisjahr 1990 anheben. ... Scheitert die Energiewende in Deutschland, scheitert sie in der Welt.

T. St.: Die weltweiten Vorräte an fossilen Energieträgern würden Eigentum einer Welt-Zentralbank. Diese legt Jahr für Jahr und mit Blick auf den aktuellen Treibhausgas-Ausstoß einen neuen Mindestpreis für Kohle, Erdöl und Erdgas fest (je höher der Ausstoß, desto höher der Preis). Diesen Preis haben Unternehmen zu zahlen, die diese Ressourcen fördern wollen. Und die Einnahmen würden jedes Jahr unter allen Menschen weltweit aufgeteilt. Fossile Energien würden damit teurer, aber nur für jene, die viel verbrauchen. Aber klar, das ist reine Utopie...


>> Wie sehen Hamburg und die Welt in 50 Jahren aus?

N.R.: Falls oben Genanntes nicht umsetzbar ist, würde ich ein Bauverbot für Hamburg und die Nordseeküste anstreben: In 50 Jahren wird die Allgemeinheit die Flutschäden durch die Folgen der Erderwärmung nicht mehr versichern können.

T.St.: Das Klima wird deutlich anders aussehen, aber die Gesellschaft nicht so sehr. Es wird ein bisschen mehr Klimaschutz geben als heute, viel mehr Extremwettereignisse und sehr viele Klimaschäden. Die Menschheit wird sich (wie heute) teilen in Reiche, die die Folgen des Klimawandels relativ gut abpuffern können. Und Arme, die dies nicht können und extrem zu leiden haben werden. In Hamburg und anderen wohlhabenden Gegenden wird man sich ärgern über das blöde Klima und über Dinge wie Kaffee, die teurer geworden sind und natürlich über die Steuern, die der Staat für Anpassungsmaßnahmen an den Klimawandel erhebt, für den Bau neuer Deiche und die Reparatur von Hurrikan-Schäden und gekühlte Gemeinschaftsunterkünfte, die im Hochsommer für sozial Schwache so üblich sein werden wie heute Obdachlosenunterkünfte im Winter. Aber sonst, fürchte ich, machen alle ungefähr so weiter wie bisher.

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